10. Tag: Honningsvag - Alta (350km)

Aufgrund des Regens beschließen wir mal "auszuschlafen". Wenn wir schon nass werden, dann wenigstens ausgeruht. Zudem wird die Tagesetappe nicht allzu lang. Von nun an geht es wieder Richtung Süden. Ich rede noch nicht von Rückweg, denn die tolle norwegische Küste liegt noch vor uns - ein Glück. Also schälen wir uns gegen 08h aus dem Bett.

 

Der Regen der Nacht ist zwar verschwunden aber der Wind wütet noch. Im Hotel erkennen wir das ganze Ausmaß noch nicht - ein echt fieser Sturm tobt da draußen. Gefahr und Abenteuer im Anmarsch... Nach einem ausgiebigen, guten Frühstück, satteln wir die Böcke und starteten erneut durch Richtung Nordkapp. Die Eintrittskarte gilt ja noch und wir wollen die letzten Postkarten einwerfen. Auf dem Weg merken wir dann schnell, wie heftig der Wind ist. Durch die kurvige Straße und die steil ansteigende Küste wissen wir eigentlich nie richtig, von wo der Sturm als nächstes angreift. Das ist ein Ritt auf Messers Schneide. Nach einigen Kilometern haben wir innerlich schon beschlossen, die Sache abzubrechen - es ist einfach zu gefährlich. Die finale Bestätigung dafür finden wir plötzlich nach einer der vielen Kurven. Zwei verunfallte Mopeds samt Fahrer liegen vor uns. Ich will den beiden sofort helfen, allerdings kommt der Wind mit solch einer Macht von der Seite, dass mein Moped nicht mal auf dem Hauptständer stehen bleibt. Wir drehen um, fahren etwas bergab und stellen die Mopeds neben der Straße im "Windschatten" ab. Der Untergrund ist nicht fest, also hält Vattern Wache. Ich haste zurück zu den beiden Bikern. Fast bei ihnen angekommen, kann ich mich kaum auf dem Beinen halten. Wir stehen bestimmt mit 40° gegen den Wind gelehnt und können uns kaum bewegen. Mopeds bergen, keine Chance. Es ist so viel Dreck in der Luft, dass ich das Gefühl habe, mein Gesicht wird mit einem Sandstrahler bearbeitet. Augen offen halten, kaum möglich. Eine Maschine steckt zwischen Asphalt und Leitplanke fest, die andere liegt mitten auf der Straße. Ein Fahrer hat sich sein rechtes Bein zwischen Moped und Leitplanke gequetscht. Er kann nicht auftreten. Die beiden kommen aus Spanien, Vater und Sohn wie sich heraussstellt. Tja, da hätten sie es fast geschafft aber ein paar Kilometer zuvor waren sie zu leichtsinnig. Ich hole die beiden von der Straße und erkläre ihnen, dass wir runter fahren und Hilfe holen (obwohl angeblich schon ein Autofahrer Hilfe per Telefon gerufen hat). Hoffentlich können sie ihre Reise fortsetzen. Ich kann nur sagen, wir hatten am Vortag echt Glück! Das Wetter hier ist unberechenbar. Also nutzt schönes Wetter, wenn ihr könnt, Leute!

 

Wir stokeln also mit aller Vorsicht wieder runter, was echt ein beschissenes Gefühl ist, besonders nach diesem heftigen Erlebnis. Kurz vor dem Nordkapptunnel werden wir von der Polizei angehalten, Alkoholkontrolle. "Super Jungs, da oben wartet Arbeit auf euch, kümmert euch da mal drum." Ein Glück kommt uns der Krankenwagen auf dem Weg nach unten schon entgegen. Naja, mit denen alles abgeklärt und weiter geht's. Wieder 10€ abgedrückt für die Tunnelbefahrung. Im Tunnel gibt's dann wenigstens eine kurze Verschnaufpause vom Wind. Kaum sind wir wieder draußen, sehen wir auf dem Parkplatz links vorm Tunnel die nächsten Biker liegen. Sowas habe ich echt noch nicht erlebt. Der weitere Weg ist einfach nur ätzend und gefährlich. Nach 70 weiteren Kilometern flaut der Wind endlich ab und wir brauchen dringend eine Pause, die Hände verkrampft und durch die Anspannung komplett geschafft. Jetzt hilft nur watt hinter die Kiemen und 'n Pott Kaffee.

Von den Strapazen erholt, fahren wir über einen kleinen Umweg unserem neuen Ziel entgegen: die nördlichste Stadt der Welt. Okay, mittlerweile ist sie nicht mehr die nördlichste Stadt der Welt, diese ist in Alaska. Aber sie darf noch den Titel "nördlichste Stadt Europas" tragen - obwohl nicht einmal das mehr stimmt, denn das ist mittlerweile Honningsvag. Na wie dem auch sei, Hammerfest wollen wir sehen. Der Weg dorthin ist nicht besonders toll und die Stadt selbst wirkt trist, grau und wenig attraktiv. Die Lage ist schon irgendwie beeindruckend aber wir können der Stadt nichts abgewinnen. Den ollen Meridianstein hätten wir auch fast nicht gefunden. Aber nachdem wir dann auch dieses "Erlebnis" erfolgreich abgebacken haben, geht es mittlerweile völlig durchgefroren an den letzten Teil der heutigen Etappe nach Alta. Gegen 17h beziehen wir dort ein tolles Hotelzimmer und stärken uns etwas später am sehr großen, verdammt leckeren Buffett. Genau das, was wir nach diesem Tag brauchen. Dazu gibt es Bier für 56 NOK - ca. 7,50€. Aber das sind wir ja mittlerweile gewohnt. Mehr als zwei sind da echt nicht drin. Aber wir haben ja ein Glück noch den guten Whisky dabei, dessen Einnahme wir zelebrieren. Noch mal: Was für eine tolle Idee von Vattern! So geht auch dieser sehr eindrucksvolle Tag zu Ende, zum Glück für uns unbeschadet. Die Wetterphänomene am Nordkapp sind echt nicht mit dem vergleichbar, was man von zu Hause kennt. Noch nicht mal an der Nordseeküste. Aber ein tolles Gefühl, dass wir endlich da waren!

 

Leider macht es sich wirklich bemerkbar, dass die eine Speicherkarte kaputt gegangen ist. Es fehlen ungefähr 350 Bilder. Das ist so ärgerlich! Aber ab dem Trollstigen gibt es wieder mehr Bilder, Dank neuer Karte.